Was ist eine Radioligandentherapie?
Ein Wirkstoff sucht Krebszellen im ganzen Körper, bindet an sie und bestrahlt sie aus nächster Nähe. Das ist das Prinzip der Radioligandentherapie, kurz RLT.
Zuletzt geprüft am 18. Oktober 2026
Das Prinzip
Ein Radioligand besteht aus zwei Teilen. Der eine Teil, der Ligand, erkennt ein bestimmtes Merkmal auf der Oberfläche von Krebszellen und bindet daran wie ein Schlüssel an ein Schloss. Der andere Teil ist ein radioaktiver Stoff, der an den Liganden gekoppelt ist.
Der Wirkstoff wird in eine Vene gegeben und verteilt sich mit dem Blut im ganzen Körper. Wo er Krebszellen mit dem passenden Merkmal findet, reichert er sich an und wird von den Zellen aufgenommen. Die Strahlung schädigt dann vor allem diese Zellen. Deshalb eignet sich die Behandlung für Krebs, der sich bereits an vielen Stellen im Körper ausgebreitet hat.
Warum PSMA
Beim Prostatakrebs ist dieses Merkmal das prostataspezifische Membranantigen, kurz PSMA. Es sitzt bei den meisten Prostatakarzinomen in großer Menge auf der Zelloberfläche, laut der europäischen und amerikanischen Fachgesellschaft bei etwa 85 Prozent. Gesundes Gewebe trägt deutlich weniger davon.
Vor der Behandlung zeigt eine PSMA-PET-Untersuchung, ob die Tumorherde genug PSMA tragen. Dafür wird ein ähnlicher Ligand mit einem schwach strahlenden Stoff verwendet, der nur sichtbar macht und nicht behandelt. Dieses Zusammenspiel von Sehen und Behandeln mit demselben Ziel nennt man Theranostik.
Die Strahlung
Für die Behandlung wird meist Lutetium-177 verwendet. Es gibt Betastrahlung ab, die im Gewebe nur wenige Zehntel Millimeter weit reicht, höchstens knapp 2 Millimeter. So trifft sie vor allem die Zellen, an die der Wirkstoff gebunden hat.
Ein Teil der Strahlung lässt sich von außen messen. Das nutzen die Ärzte für Aufnahmen nach der Therapie und für den Strahlenschutz. Den größten Teil des nicht gebundenen Wirkstoffs scheidet der Körper in den ersten zwei Tagen über die Nieren aus.
Was sie leisten kann
Die Radioligandentherapie heilt den fortgeschrittenen Prostatakrebs nicht. Sie kann ihn aber bremsen, Beschwerden lindern und das Leben verlängern.
In der Zulassungsstudie VISION wurden 831 Männer behandelt, deren Krebs trotz Hormontherapie und Chemotherapie fortschritt. Mit Radioligandentherapie zusätzlich zur üblichen Behandlung lebten sie im Median 15,3 Monate, ohne sie 11,3 Monate. Bis der Krebs in der Bildgebung wieder wuchs, vergingen im Median 8,7 statt 3,4 Monate. Die Lebensqualität verschlechterte sich dadurch nicht.
Diese Werte beschreiben den Durchschnitt einer Gruppe. Bei manchen Männern wirkt die Behandlung lange, bei anderen kaum. Wie es im eigenen Fall aussieht, lässt sich vorher nicht sicher sagen.
Formen und Zulassung
In der EU ist ein Fertigarzneimittel zugelassen: Lutetium (177Lu) vipivotidtetraxetan, seit Dezember 2022. Es ist zugelassen für Männer mit fortschreitendem, PSMA-positivem und metastasiertem Prostatakrebs, der nicht mehr auf eine Hormonentzugsbehandlung anspricht, wenn sie bereits eine neuere Hormontherapie und eine Chemotherapie mit einem Taxan erhalten haben. Eine Erweiterung auf die Zeit vor einer Chemotherapie wurde 2026 in der EU nicht zugelassen, der Antrag wurde zurückgezogen.
In Deutschland stellen viele Kliniken einen vergleichbaren Wirkstoff außerdem selbst in ihrer Radiopharmazie her, für einzelne Patienten. Beide Wege sind etabliert. In unserer Zentrensuche sehen Sie, welche Klinik welchen Weg nutzt.
Mit Actinium-225 wird ein anderer, stärker und noch kürzer strahlender Stoff erprobt. Er ist nicht zugelassen und wird bisher nur in Einzelfällen eingesetzt.
Eine verwandte Behandlung gibt es für neuroendokrine Tumoren des Magen-Darm-Trakts und der Bauchspeicheldrüse, die Peptid-Radiorezeptortherapie (PRRT). Sie zielt auf ein anderes Merkmal, den Somatostatinrezeptor. Diese Kliniken finden Sie in der Zentrensuche unter „Neuroendokrine Tumoren“.
Quellen
- EMA: Produktinformation Lutetium (177Lu) vipivotidtetraxetan, Fachinformation und Packungsbeilage (EPAR, Stand 20.07.2026)
- Sartor O. et al.: Lutetium-177-PSMA-617 for Metastatic Castration-Resistant Prostate Cancer (VISION). N Engl J Med 2021
- Kratochwil C. et al.: EANM/SNMMI procedure guideline for 177Lu-PSMA radioligand therapy. Eur J Nucl Med Mol Imaging 2023
- Leitlinienprogramm Onkologie: S3-Leitlinie Prostatakarzinom, Version 8.1, August 2025 (AWMF 043-022OL)
- gesundheitsinformation.de (IQWiG): Lutetiumvipivotidtetraxetan und Gozetotid bei fortgeschrittenem Prostatakrebs, Stand 21.10.2024
- Fizazi K. et al.: PSMAfore, finale Analyse des Gesamtüberlebens. Ann Oncol 2025
- EMA: Rücknahme des Antrags auf Erweiterung der Anwendung vor einer Chemotherapie (2026)
- EMA: EPAR Lutetium (177Lu) oxodotreotid, zuletzt aktualisiert 14.08.2026
Diese Information ersetzt kein ärztliches Gespräch. Ob eine Radioligandentherapie für Sie infrage kommt, klären Ihre behandelnden Ärzte mit Ihnen.